Die Namen der germanischen Monate sind ein Kalender in Kurzform: Jeder Name hält fest, was in diesem Mondmonat auf Hof und Feld geschah, also gemolken, gesät, geopfert, geerntet. Wer sie liest, liest das bäuerliche Jahr. Dieser Beitrag geht die Namen einzeln durch; wie der Kalender als Ganzes funktioniert, mit Mondsichel, Schaltmonat und Wintersonnenwende, steht im germanischen Mondkalender.

Die hier verwendeten Namen folgen zwei Überlieferungssträngen. Den angelsächsischen liefert Beda Venerabilis um 725 in De temporum ratione (Kapitel „De mensibus Anglorum“), dem wichtigsten mittelalterlichen Zeugnis des germanischen Lunisolarkalenders. Dazu treten die altnordischen Monatsnamen und, wo erhellend, die althochdeutschen und dänischen Entsprechungen. Fast alle deuten, wie Jean-Pierre Poirier für ganz Europa gezeigt hat, auf landwirtschaftliche Arbeit und Wetter, nicht auf den Mond, obwohl der Kalender lunisolar rechnet.

Die Wintermonate: Opfer, Frost und die zwei Jól-Monde

Später Jólmond (Monat 1, angelsächsisch æftera jéola, „späteres Jól“). Das Jahr beginnt mit ihm, denn sein Vollmond ist der Mittwintervollmond, Jól. Altnordisch heißt er jólmánaðr oder ýlir, althochdeutsch hartimánoth, der deutsche „Hartmond“, der harte, gefrorene Monat.

Sprokelmond (Monat 2, solmónað). Der angelsächsische Name meint wohl „Schlamm-“ oder „Suhlmonat“ (ae. solu = Suhle), der aufgeweichte Boden des Spätwinters. Beda erwähnt für ihn Kuchenopfer an die Götter. Altnordisch steht hier þorri, der mythische Winterriese, die personifizierte Frostdürre; sein Vollmond trug das Þorrablót. Der deutsche Name Hornung oder Sporkele lebt in der „Alten Fasnacht“ fort.

Erdmond (Monat 3, hréðmónað). Benannt ist er, so Beda, nach einer Göttin Hreða, die aber nur bei ihm bezeugt und darum umstritten ist. Der altnordische Name gói/góa wird als „die Auftauende“ gedeutet (urgerm. gewôn), der Spätwinter, in dem das Eis bricht. Deutsch auch Lenzmond oder Lenzing, vom althochdeutschen lenzo, Frühjahr.

Blótmond (Monat 11, blótmónað, „Monat der Opferungen“; ae. blótan = opfern, schlachten). Beda hält fest, das in diesem Monat geschlachtete Vieh sei den Göttern geweiht gewesen. Ein dänischer Name (bei Wormius pølsemaen, „Wurstmonat“) ist dagegen nüchtern-profan, und Zautner wertet ihn als Argument gegen ein großes Schlachtfest. Ob es das Schlachtblót wirklich gab, bleibt darum eine unsichere Deutung, kein gesicherter Befund.

Früher Jólmond (Monat 12, ærra jéola, „früheres Jól“; gotisch fruma jiuleis, „Vor-Jól“). In ihn fällt die Wintersonnenwende und, in der Nacht zum 25. Dezember, die von Beda bezeugte Mütternacht. Der altnordische Beiname mǫrsugr, „Fett-Sauger“, spielt auf das Zehren von den winterlichen Vorräten an.

Die Sommermonate: Weide, schiffbare See und Heu

Ostermond (Monat 4, eosturmónað). Wie der Erdmond trägt er einen Götternamen, der nur bei Beda steht: die ebenfalls umstrittene Göttin Eostre. Einhard überliefert für das Fränkische den althochdeutschen Namen Ostarmanoth. Sein Vollmond markiert Sumarmál, den Sommerbeginn im zweigeteilten germanischen Jahr. Altnordisch einmánuðr („erster Monat“) oder harpa.

Wonnemond (Monat 5, þrimilchi, „Dreimelk-Monat“). Nach Beda wurden die Kühe jetzt dreimal täglich gemolken, weil das junge Weidegras so nahrhaft war. Der althochdeutsche wunni-/winnimánoth bedeutet zugleich „Weide-“ und „Freudenmonat“; die heutige „Wonne“ ist eigentlich die Weide. Altnordisch heißt er gaukmánuðr („Kuckucksmonat“) oder sáðtíð („Aussaatzeit“), die Zeit von Weideauftrieb und Saat.

Früher Lithemond (Monat 6, ærra líða). Líða heißt „sanft“ oder „schiffbar“; die See lag jetzt glatt und ließ sich befahren, wie Poirier bestätigt. Deutsch Brachmond oder Brachet, nach dem brachliegenden Feld der Dreifelderwirtschaft. Altnordisch sólmánuðr („Sonnenmonat“) oder selmánuðr („Almenmonat“); in ihn fällt die Sommersonnenwende.

Später Lithemond (Monat 7, æftera líða, „spätes líða“). Sein Vollmond trug das alte Mittsommer. Deutsch Heumond oder Heuert, altnordisch heyannir, die „Heuarbeiten“, der Monat der Heuernte. Ein Beiname tvímánuðr, „Zwiemonat“, erinnert daran, dass ihm der Schaltmonat folgen kann.

Dritter Lithemond (Schaltmonat, nur in Schaltjahren). Beda bezeugt den Begriff þrilíða, das „Drei-Litha-Jahr“, also den Namen für ein Jahr mit drei Litha-Monden. Dass der dreizehnte Monat zwischen Heumond und Erntemond eingeschoben wird, mitten im Sommer, ist dagegen die Rekonstruktion Zautners, nicht mehr Bedas Wortlaut. Altnordisch aukamánaðr oder aukatungl, der „zusätzliche Monat“, der „zusätzliche Mond“. Warum gerade im Sommer, und wie das Jahr dadurch im Takt bleibt, führt der germanische Mondkalender aus.

Die Erntemonate: Kraut, Korn und der heilige Herbst

Erntemond (Monat 8, weodmónað, „Un-“ oder „Krautmonat“). Die Zeit, in der das Kraut wuchert und das Getreide reift. Deutsch Ernting, altnordisch kornskurðarmánuðr, der „Kornschnittmonat“. Hier liegt die alte Schnitterzeit um den 1. August.

Herbstmond (Monat 9, halegmónað, „heiliger Monat“; auch hærfestmónað, „Erntemonat“). Beda nennt ihn einen „Monat der Opferungen“, nennt aber keine Einzelheiten des Ritus, einen möglichen Erntedank; mehr lässt sich nicht sichern. Altnordisch haustmánuðr.

Wintermond (Monat 10, winterfilleð, „Wintervollmond“; got. fillith = Vollmond). Beda schreibt ausdrücklich, der Winter beginne mit dem Vollmond dieses Monats: die Winternächte (vetrnætr). Altnordisch gormánuðr, „Schlachtmonat“. Mit ihm beginnt wieder das dunkle Halbjahr.

Warum die Namen agrarisch, der Kalender aber lunisolar ist

Der scheinbare Widerspruch klärt sich hier. Die meisten Monatsnamen verweisen auf feste jahreszeitliche Arbeiten wie Melken, Mähen und Schlachten, also auf das Sonnenjahr. Der Kalender selbst aber zählt in Mondmonaten. Beides passt zusammen: Die Namen beschrieben, was im jeweiligen Jahresabschnitt anlag, während das Grundgerüst lunisolar blieb. Poirier zeigt denselben agrarisch-meteorologischen Ursprung für die Monatsnamen ganz Europas, von den altgermanischen Namen bei Einhard bis in deutsche Mundarten des 19. Jahrhunderts.

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Quellen