Drei Wege, ein Jahr zu zählen

Ein Kalender muss ein Grundproblem lösen: Sonne und Mond laufen auf zwei voneinander unabhängigen Zeitschienen, deren Bahnen sich nicht sauber ineinander umrechnen lassen. Aus dem Umgang mit dieser Diskrepanz sind drei Kalendertypen entstanden.

Ein Sonnenkalender (solar) ignoriert den Mond und teilt nur das Sonnenjahr ein, so wie unser heutiger gregorianischer Kalender, in dem „Monate“ längst nichts mehr mit dem Mondlauf zu tun haben. Ein reiner Mondkalender (lunar) richtet sich ausschließlich nach den Mondphasen; sein Jahr aus zwölf Mondmonaten ist rund elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Das bekannteste Beispiel ist der islamische Kalender: Weil er den Rückstand nie ausgleicht, wandert der Fastenmonat Ramadan in gut 32 Jahren (33 islamischen Mondjahren) einmal rückwärts durch das ganze Sonnenjahr.

Der dritte Typ ist der Lunisolarkalender – der Autor Andreas E. Zautner nennt ihn treffend den „gebundenen“ Mondkalender. Er behält die Mondmonate bei, bindet sie aber an das Sonnenjahr, damit die Feste nicht aus ihrer jahreszeitlichen Verankerung herausgleiten. Um diesen Typ geht es hier.

Das Grundproblem: elf Tage, die fehlen

Um zu verstehen, warum ein Lunisolarkalender überhaupt einen Kunstgriff braucht, hilft eine kleine Rechnung. Ein Monat im Sinne der Mondphasen – von Neumond zu Neumond – heißt synodischer Monat und dauert im Mittel 29,53 Tage. In der Praxis eines Mondkalenders wechseln sich deshalb „hohle“ Monate zu 29 Tagen und „volle“ zu 30 Tagen ab.

Zwölf solcher Monate ergeben rund 354 Tage. Das Sonnenjahr – die Zeit von einer Frühlings-Tagundnachtgleiche zur nächsten – dauert aber gut 365 Tage. Es bleibt eine Lücke von etwa 11¼ Tagen, in der Überlieferung oft als „zwölf Nächte“ gefasst (elf Tage, umrahmt von zwölf Nächten).

Würde man diese Lücke ignorieren, verschöbe sich jeder Mondmonat Jahr für Jahr um elf Tage gegen die Jahreszeiten – nach wenigen Jahren fiele ein „Erntemonat“ mitten in den Winter. Ein reiner Mondkalender nimmt das in Kauf, ein Lunisolarkalender gleicht es aus.

Die Lösung: der Schaltmonat

Man sammelt die fehlenden Tage an und schiebt, sobald sie einen ganzen Mondmonat ergeben, einen dreizehnten Monat ein, den Schaltmonat. In einem Mondkalender ließ sich ein Monatszyklus aus praktischen wie mythischen Gründen nicht zerschneiden, deshalb wurde stets ein ganzer Lunarmonat eingefügt, nie einzelne Tage.

Damit dieser Ausgleich nicht ins Beliebige abrutscht, braucht er einen festen Sonnenpunkt als Anker. Dafür bieten sich die beiden Sonnenwenden und die beiden Tagundnachtgleichen an. An einem solchen Fixdatum lässt sich Jahr für Jahr ablesen, ob der Mond gegenüber der Sonne so weit zurückgefallen ist, dass ein Schaltmonat fällig wird. So bleibt der Kalender dauerhaft im Gleichschritt mit Aussaat, Ernte und Jahreszeiten, ohne den Mond aufzugeben.

Welcher Fixpunkt gewählt wurde und ob der Mond der Sonne „hinterhereilte“ oder die Sonne auf den Mond „wartete“, hing von der jeweiligen Kultur und ihren Kulten ab. Das ist der Punkt, an dem sich die vielen lunisolaren Systeme der Welt voneinander unterscheiden – im Prinzip aber sind sie eng verwandt.

Ein weltweites Prinzip

Über weite Strecken der Geschichte war der Lunisolarkalender der Normalfall. Bevor Gaius Julius Caesar im Jahr 45 v. Chr. einen reinen, ursprünglich hellenistisch-ägyptischen Sonnenkalender im Römischen Reich einführte, war es „insbesondere auf dem eurasischen Kontinent üblich, die Jahre (auch) nach dem Mond zu bestimmen“. Sowohl Römer als auch Griechen, Kelten, Balten und Germanen benutzten anfänglich Lunisolarkalender, in denen ein Schaltmonat Sonne und Mond aufeinander abstimmte.

Die Belege sind greifbar. Der frühe römische Kalender war ein Mondjahr von 354 Tagen, in das alle zwei Jahre ein Mensis intercalaris eingeschoben wurde. Der 1897 in Coligny in Südostfrankreich gefundene gallo-römische Bronzekalender zeigt ein keltisches Mondjahr aus zwölf Monaten, das durch einen dreißigtägigen Schaltmonat etwa alle zweieinhalb Jahre an die Sonne gebunden wurde. Auch der jüdische Kalender ist lunisolar: die Kreuzigung fiel auf den Frühlingsvollmond des Monats Nisan, weshalb die christliche Osterrechnung bis heute an einem wandernden Mondtermin hängt.

Aus dieser Praxis wuchsen auch die klassischen Schaltzyklen. Der griechische Astronom Meton stellte im 5. Jahrhundert v. Chr. fest, dass 19 Sonnenjahre fast genau 235 Mondmonaten entsprechen: der berühmte Meton-Zyklus, nach dem die Mondphasen alle 19 Jahre wieder aufs gleiche Datum fallen. Er steckt bis heute in der Berechnung des Osterdatums. Ein noch kürzerer Rhythmus, die Oktaeteris, gleicht acht Sonnenjahre mit rund 99 Mondmonaten ab. Beide sind verfeinerte Antworten auf dieselbe Elf-Tage-Frage.

Ebenso verbreitet war die einfachste Variante: die empirische Schaltung. Statt einem starren Zyklus zu folgen, wurde ein Monat schlicht dann eingeschoben oder „vergessen“, wenn die Beobachtung es verlangte. Martin P. Nilsson zeigt in seinem Grundlagenwerk Primitive Time-Reckoning (1920), dass diese Praxis fast universell ist, von den Eskimos über die Babylonier bis zu den Germanen. Die ganze Bandbreite dieser Kalender, von den frühesten Belegen bis nach Japan, zeichnet der Beitrag Mondkalender der Weltgeschichte nach.

Der germanische Fall

Auch die germanischsprachigen Völker rechneten lunisolar. Der Mönch Beda Venerabilis beschreibt um 725 den angelsächsischen Kalender als genau solches System: zwölf Mondmonate im gewöhnlichen Jahr, dreizehn im Schaltjahr, wobei der zusätzliche Monat – ein dritter Lida – im Sommer eingeschoben wurde, und das Jahr in zwei Hälften aus Sommer und Winter zerfiel. Nilsson und andere bestätigen diesen Befund und zeigen, dass der Schaltmonat auch bei Isländern und anderen typischerweise in die Sommerhälfte fiel.

Der germanische Sonderfall hat dabei seine ganz eigenen Feinheiten: die erste sichtbare Mondsichel als Monatsbeginn, die Wintersonnenwende als einzigen Sonnenanker, die Jólmondregel für den Jahresbeginn und die berühmte Zwölf-Nächte-Schaltregel. Wer sich dafür interessiert, findet die ausführliche, quellenbasierte Darstellung im Beitrag zum germanischen Mondkalender. Er ist ein Lunisolarkalender wie viele andere, gebaut nach demselben Grundprinzip von Mond, Sonne und Schaltmonat.

Vom Prinzip zum Termin

So klar das Prinzip ist – im Alltag wird ein Lunisolarkalender schnell unhandlich. Ob dieses Jahr ein Schaltjahr ist, auf welchen Abend die erste Mondsichel fällt und wann ein Fest genau eintritt, hängt an astronomischen Beobachtungen, die man früher mühsam von Hand nachhalten musste. Ein Fest liegt eben nicht auf einem starren Datum, sondern etwa „um den Vollmond des Wintermonds“.

Genau diese Rechenarbeit nimmt die App Ártala ab. Sie berechnet die Mondphasen astronomisch korrekt und auch ohne Internet, zeigt die Monate mit dem eingeschobenen Schaltmonat und erinnert an die Festtage des germanischen Lunisolarkalenders – quellenbasiert und werbefrei. Wer wissen will, in welchem Mondmonat er gerade lebt oder wann das nächste Fest fällt, findet sie für Web, Android und iOS auf der Startseite von Ártala.

Quellen