Ein Jahr allein nach dem Mond
Ein Kalender muss zwei Himmelskörper zusammenbringen, deren Läufe sich nicht sauber ineinander umrechnen lassen: die Sonne, die den Jahreszeiten ihren Takt gibt, und den Mond, der die Monate zählt. Aus dem Umgang mit dieser Diskrepanz sind drei Kalendertypen entstanden. Ein Sonnenkalender folgt allein der Sonne, ein Lunisolarkalender behält beide bei.
Der Lunarkalender geht den dritten Weg. Er richtet sich ausschließlich nach den Mondphasen und lässt die Sonne bei der Einteilung des Jahres weg. Seine Grundeinheit ist der synodische Monat, die Zeit von Neumond zu Neumond. Der Mond gibt damit den Takt vollständig vor. Diesen Kalendertyp nennt der Autor Andreas E. Zautner den „ungebundenen“ Mondkalender, weil ihn nichts an das Sonnenjahr bindet.
Zwölf Monate, elf Tage zu wenig
Um zu verstehen, wie sich ein Lunarkalender verhält, hilft eine kleine Rechnung. Ein synodischer Monat dauert im Mittel 29,53 Tage. In der Praxis eines Mondkalenders wechseln sich deshalb „hohle“ Monate zu 29 Tagen und „volle“ zu 30 Tagen ab. Zwölf solcher Monate ergeben rund 354 Tage, genauer 354,37 Tage.
Das Sonnenjahr dauert aber gut 365 Tage. Zwischen beiden bleibt eine Lücke von etwa elf Tagen. Ein Lunisolarkalender füllt diese Lücke alle paar Jahre mit einem Schaltmonat. Ein Lunarkalender tut das bewusst nicht. Er lässt den Rückstand stehen, und so beginnt jeder Monat Jahr für Jahr rund elf Tage früher als im Vorjahr. Nach und nach wandert das ganze Mondjahr rückwärts durch die Jahreszeiten.
Der islamische Kalender
Der einzige heute noch weithin gebräuchliche reine Mondkalender ist der islamische. Er ist streng lunar und kennt keine Schaltmonate. Das Gemeinjahr zählt zwölf Monate mit abwechselnd 30 und 29 Tagen, zusammen 354 Tage; in einem Schaltjahr erhält der letzte Monat einen Tag mehr, sodass es 355 Tage umfasst. Diese Schalttage folgen einem festen Muster: In einem Zyklus aus 30 Jahren sind elf Jahre Schaltjahre. So bleibt der kalendarische Monatsanfang eng am mittleren astronomischen Neumond.
Weil das islamische Jahr rund elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, wandert sein Anfang rückwärts durch das Sonnenjahr und braucht dafür etwa 32 Sonnenjahre, also rund 33 islamische Jahre. E. G. Richards vergleicht das mit dem ägyptischen Wandeljahr, nur läuft es deutlich schneller. Der Fastenmonat Ramadan, der neunte Monat, und die Wallfahrt nach Mekka im zwölften Monat verschieben sich dadurch von Jahr zu Jahr und durchlaufen in gut drei Jahrzehnten einmal alle Jahreszeiten.
Für die religiöse Praxis richten sich die meisten Muslime nach der Beobachtung. Der Monat beginnt mit der ersten Sichtung der schmalen Neumondsichel. Weil dieser Zeitpunkt vom Standort abhängt, kann der Monatsanfang je nach Region um bis zu zwei Tage abweichen.
Wie der Islam zum reinen Mondjahr kam
Der islamische Kalender war nicht immer rein lunar. Vor der Zeit des Propheten Mohammed benutzte ein Teil der arabischen Stämme einen lunisolaren Kalender und schob gelegentlich einen dreizehnten Monat ein, das nasī'. Zuständig war die Sippe der Kināna, die die Schaltung eigenen Kalenderbeamten übertrug. Diese Schaltung bestimmte auch die Lage der geschützten Monate, in denen Fehden und Überfälle ruhen sollten. Einige Stämme brachten die Verwalter dazu, die Schaltung zu ihrem Vorteil zu verschieben und so die Friedenszeiten zu umgehen.
Gegen diesen Missbrauch wandte sich der Prophet. In einer Rede kurz vor seinem Tod im Jahr 632 untersagte er jede weitere Schaltung. Der Koran hält die Zahl der Monate fest: „Die Zahl der Monate bei Gott ist zwölf … einen Monat einzuschieben ist ein Mehr an Unglauben“ (Sure 9,36–37). Übrig blieb ein reines Mondjahr aus zwölf Monaten. Seine feste, berechenbare Form richtete etwa ein Jahrzehnt später Kalif Umar I. ein, der den Auszug Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 zum Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung machte.
Was der reine Mondkalender behält und aufgibt
Ein Lunarkalender hält den Mond in seiner reinsten Form. Sein Monatsanfang lässt sich am Nachthimmel unmittelbar ablesen, ohne Tabelle und ohne Rechenmeister. Der Preis dafür ist die Bindung an die Jahreszeiten: Ein Fest, das an einen Mondmonat geknüpft ist, fällt einmal in den Sommer und Jahrzehnte später in den Winter.
Diese Entscheidung war keine astronomische Naivität. Der Islam kannte die lunisolare Lösung mit dem Schaltmonat und hat sie aus theologischen Gründen bewusst verworfen. Der Mond genügt ihm als Taktgeber. Wer ihn dagegen an das Sonnenjahr bindet, gewinnt Jahreszeitentreue und erkauft sie mit mehr Rechenaufwand und einer Instanz, die diese Rechnung führt. Beide Wege sind eine überlegte Antwort auf dieselbe Frage.
Die Brücke: Mond und Sonne zugleich
Wer die Jahreszeitentreue der Sonne behalten und trotzdem am lebendigen Takt des Mondes festhalten will, landet beim Lunisolarkalender, dem gebundenen Mondkalender. Er behält die Mondmonate bei und bindet sie über einen Schaltmonat an das Sonnenjahr. So bleibt der Ramadan des einen Systems im Wandern, während die Feste des anderen in ihrer Jahreszeit verankert bleiben. Welche Kulturen weltweit nach dem Mond rechnen, zeigt der Überblick zur Geschichte der Mondkalender.
Die germanischsprachigen Völker rechneten lunisolar. Wie ihr Kalender die erste Mondsichel, die Wintersonnenwende als Sonnenanker und den Schaltmonat zusammenführt, zeigt der Beitrag zum germanischen Mondkalender. Genau diese Rechenarbeit nimmt die App Ártala ab. Sie berechnet die Mondphasen astronomisch korrekt und auch ohne Internet, zeigt die Monate mit dem eingeschobenen Schaltmonat und erinnert an die Festtage des germanischen Lunisolarkalenders – quellenbasiert und werbefrei. Zu finden ist sie für Web, Android und iOS auf der Startseite von Ártala.
Quellen
- E. G. Richards, Mapping Time: The Calendar and Its History (Oxford University Press 1998, ISBN 978-0-19-850413-9) – der islamische Kalender als reiner Mondkalender, Gemein- und Schaltjahr (354/355 Tage), 30-Jahre-Zyklus mit elf Schaltjahren, Wanderung durch die Jahreszeiten in rund 32 Jahren, beobachteter Monatsbeginn per Erstsichel, vorislamisches nasī' der Kināna und dessen Verbot durch den Propheten 632 (Kap. 18)
- Nachum Dershowitz / Edward M. Reingold, Calendrical Calculations (The Ultimate Edition, Cambridge University Press 2018, ISBN 978-1-107-05762-3) – arithmetischer islamischer Kalender, 30-Jahre-Schaltzyklus (Schaltjahre 2, 5, 7, 10, 13, 16, 18, 21, 24, 26, 29), Beobachtungskalender, Koran-Beleg zur Schaltung (Kap. 7); Koran, Sure 9,36–37
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen (Edition Roter Drache, ISBN 978-3-96426-034-5) – Kalendertypen (Kap. 5), synodischer Monat und Diskrepanz von Mond- und Sonnenjahr (Kap. 7.3.1)
- al-Bīrūnī, The Chronology of Ancient Nations (um 1000, engl. Übers. C. E. Sachau, London 1879) – klassische Quelle zu den vorislamischen Schaltpraktiken der arabischen Halbinsel