Ein Jahr allein nach der Sonne
Ein Kalender muss zwei Himmelskörper unter einen Hut bringen, deren Läufe sich nicht sauber ineinander umrechnen lassen: die Sonne, die den Jahreszeiten ihren Takt gibt, und den Mond, der die Monate zählt. Aus dem Umgang mit dieser Diskrepanz sind drei Kalendertypen entstanden. Ein Lunisolarkalender behält beide bei, ein reiner Mondkalender folgt allein dem Mond.
Der Solarkalender geht den dritten Weg. Er richtet sich ausschließlich nach dem Sonnenjahr und lässt den Mond bei der Einteilung des Jahres weg. Maßgeblich ist für ihn das tropische Jahr, die Zeit von einer Frühlings-Tagundnachtgleiche zur nächsten. Sie beträgt genau 365,242190 Tage, also 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden. Jeder Sonnenkalender muss sich nach diesem Wert richten, denn er beschreibt das jahreszeitliche Jahr. Unser heutiger gregorianischer Kalender ist ein solcher reiner Sonnenkalender, in dem der Lauf des Mondes für die Einteilung des Jahres keine Rolle mehr spielt.
Das ägyptische Wandeljahr
Der Sonnenkalender hat seinen Ursprung im antiken Ägypten. Die frühen Ägypter benutzten zunächst einen lunisolaren Kalender, dessen Monate am Mond hingen und der durch einen Schaltmonat an das Sonnenjahr gebunden wurde. Für die Verwaltung eines Staates mit Großbaustellen, Steuerwesen und Aktenführung war ein Jahr von schwankender Länge jedoch unpraktisch. Aus diesem Grund erfanden die ägyptischen Bürokraten einen regelmäßigeren Kalender.
Dieses bürgerliche Jahr stützte sich auf die Beobachtung, dass zwischen zwei Frühaufgängen des Sirius meist 365 Tage lagen. Es umfasste zwölf Monate zu je 30 Tagen und fünf zusätzliche Tage am Jahresende, die die Griechen später Epagomenen nannten. Einen Schalttag oder Schaltmonat gab es nicht. Weil 365 Tage rund einen Vierteltag kürzer sind als das tropische Jahr, begann dieses Jahr alle vier Jahre einen Tag früher gegenüber den Jahreszeiten. Nach etwa 1500 Jahren war es einmal ganz durch das Sonnenjahr gewandert. Der lateinische Name dafür lautet annus vagus, das Wandeljahr.
Das Wandeljahr zeigt den Grundzug jedes Sonnenkalenders in Reinform, und zugleich seine offene Flanke: Wer das Jahr auf ganze Tage rundet und den Rest ignoriert, dessen Kalender läuft langsam aus den Jahreszeiten heraus. Genau diesen Fehler galt es zu schließen.
Caesar und der Schalttag
Im Jahre 47 v. Chr. reiste Gaius Julius Caesar nach Alexandria, das damals wohl größte Zentrum der Wissenschaft. Dort ließ er sich von den Astronomen Acoreus, Sosigenes und anderen in die Rechenkunst des Sonnenkalenders einführen. Zwei Jahre später, 45 v. Chr., führte er einen ursprünglich hellenistisch-ägyptischen Sonnenkalender im gesamten Römischen Reich ein. Zuvor war es auf dem eurasischen Kontinent üblich gewesen, die Jahre nach dem Mond zu bestimmen; Römer, Griechen, Kelten, Balten und Germanen benutzten Lunisolarkalender.
Caesars Reform löste das Problem des Wandeljahres mit einem einfachen Kunstgriff. Statt den Rest von rund einem Vierteltag verfallen zu lassen, wird er über vier Jahre gesammelt und als Schalttag eingefügt. So kommt das mittlere Kalenderjahr auf 365,25 Tage und bleibt an die Jahreszeiten gebunden. Der julianische Kalender machte damit aus dem Wandeljahr einen gebundenen Sonnenkalender.
Die Feinkorrektur von 1582
Ein Vierteltag ist allerdings nicht ganz genau. Das tropische Jahr misst 365,242190 Tage, das julianische Jahr aber 365,25. Die Differenz beträgt elf Minuten und vierzehn Sekunden. So klein sie ist, über lange Zeiträume summiert sie sich: Alle 128 Jahre wächst der Rückstand um einen ganzen Tag. Bis ins 16. Jahrhundert war die Frühlings-Tagundnachtgleiche dadurch weit von ihrem angestammten Kalenderplatz abgerückt, was vor allem die Osterrechnung störte.
Papst Gregor XIII. korrigierte das 1582. Das mittlere Jahr wurde von 365,25 auf 365,2425 Tage verkürzt. Dazu dient eine zusätzliche Schaltregel: Jahre, deren Zahl durch 100 teilbar ist, sind nur dann Schaltjahre, wenn sie auch durch 400 teilbar sind. Die Jahre 1700, 1800 und 1900 fielen als Schaltjahre aus, 1600 und 2000 blieben es. Um den bereits aufgelaufenen Rückstand einzuholen, ließ die Reform zehn Kalendertage ausfallen: Auf den 4. Oktober folgte unmittelbar der 15. Oktober 1582. Dieser gregorianische Kalender ist der Sonnenkalender, den heute fast die ganze Welt für Verwaltung und Handel benutzt. Der Versatz zwischen julianischer und gregorianischer Zählung, der mit diesem Zehn-Tage-Sprung begann, bleibt bis heute sichtbar: Die App Ártala führt beide Datierungen und zeigt das julianische Datum als Sekundärdatum neben dem gregorianischen.
Was der Sonnenkalender aufgibt
Der reine Sonnenkalender ist praktisch. Er hält die Jahreszeiten fest, jedes Jahr hat annähernd gleich viele Tage, und der Abstand zwischen zwei Daten lässt sich ohne Beobachtung ausrechnen. Für ein großes Reich mit Steuern, Verwaltung und Fernhandel ist das ein handfester Vorteil, und es ist kein Zufall, dass Ägyptens Bürokraten wie Caesars Verwaltung genau diesen Weg wählten.
Dieser Vorteil hat einen Preis: Der Sonnenkalender gibt den Mond auf. Seine „Monate“ sind eingeteilte Abschnitte des Sonnenjahres, die mit den Mondphasen nichts mehr zu tun haben. Ein Blick in den gregorianischen Kalender verrät nicht, ob am Himmel Voll- oder Neumond steht. Der kurze, unmittelbar erlebbare Takt des Mondes, der die Zeit über Jahrtausende gegliedert hat, verschwindet aus der Rechnung.
Die Brücke zurück zum Mond
Wer beides behalten will, die jahreszeitliche Verlässlichkeit der Sonne und den lebendigen Takt des Mondes, landet beim dritten Typ. Ein Lunisolarkalender behält die Mondmonate bei und bindet sie über einen Schaltmonat an das Sonnenjahr. Er verbindet damit das Beste beider Seiten, und erkauft es mit etwas mehr Rechenaufwand. Ein reiner Mondkalender geht den umgekehrten Weg und nimmt dafür in Kauf, dass seine Feste durch die Jahreszeiten wandern.
Die germanischsprachigen Völker rechneten lunisolar. Wie ihr Kalender die erste Mondsichel, die Wintersonnenwende als einzigen Sonnenanker und den Schaltmonat zusammenführt, zeigt der Beitrag zum germanischen Mondkalender. Genau diese Rechenarbeit nimmt die App Ártala ab. Sie berechnet die Mondphasen astronomisch korrekt und auch ohne Internet, zeigt die Monate mit dem eingeschobenen Schaltmonat und erinnert an die Festtage des germanischen Lunisolarkalenders – quellenbasiert und werbefrei. Zu finden ist sie für Web, Android und iOS auf der Startseite von Ártala.
Quellen
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen (Edition Roter Drache, ISBN 978-3-96426-034-5) – Kalendertypen (Kap. 5), ägyptisch-hellenistischer Ursprung und julianische Reform (Vorwort, Kap. 7.1), tropisches Jahr und Diskrepanz zum Mondjahr (Kap. 7.3.1), gregorianische Reform mit Säkularregel und Zehn-Tage-Sprung (Kap. 7.2)
- E. G. Richards, Mapping Time: The Calendar and Its History (Oxford University Press 1998, ISBN 978-0-19-850413-9) – das ägyptische Wandeljahr (annus vagus): 365 Tage aus 12 Monaten zu 30 Tagen plus fünf Epagomenen, Drift von rund einem Tag in vier Jahren gegenüber dem Sothis-/Sonnenjahr, Verwaltungsmotiv des bürgerlichen Kalenders (Kap. 10)
- Astronomische Konstante: tropisches Jahr = 365,242190 Tage (365 d 5 h 48 min 45 s)