Die Winternächte (altnordisch vetrnætr) sind das Vollmondfest des zehnten Mondmonats, den Beda um 725 Winterfilleth nennt, zusammengesetzt aus „Winter“ und „Vollmond“ (gotisch fillith). Der Monatsname trägt das Fest bereits in sich: Es fällt auf den Vollmond des Wintermonds und öffnet die dunkle Hälfte des Jahres. In der germanischen Zweiteilung des Jahres in Sommer und Winter markiert der Vollmond des Ostermonds den Sommeranfang und der Vollmond des Wintermonds die Winternächte. Diese beiden Vollmonde eröffnen die beiden großen Jahreszeiten. Wie dieser gebundene Mondkalender insgesamt funktioniert, steht im Überblicksartikel zum germanischen Mondkalender.
Ein lunarer Termin, kein festes Datum
Die Winternächte hängen am Mond, nicht am gregorianischen Kalender. Sie fallen auf den Vollmond des Wintermonds, der die dunkle Jahreshälfte eröffnet. Terry Gunnell und Andreas Nordberg betonen übereinstimmend, dass es sich um einen lunaren Herbsttermin handelt, nicht um ein starres Sonnendatum; Nordberg ordnet das Fest den vier Quartalsterminen des nordischen Wochenjahres zu, die einige Wochen nach den astronomischen Sonnenpunkten liegen. Das Fest dauerte drei Nächte. Gunnell rekonstruiert aus den Quellen, dass der Sommer an einem Mittwoch endete und der Winter am Samstag begann, drei liminale Grenznächte, in der Valla-Ljóts saga als hinar þriðju veturnóttir bezeichnet. Weil der Termin am Mond hängt, gibt es hier keine Datumstabelle: Wann die Winternächte in einem bestimmten Jahr liegen, berechnet die App Ártala.
Vier überlagerte Aspekte
Unter den Festen des Jahreskreises vereinen die Winternächte die meisten Schichten. Vier lassen sich an den Quellen ablesen.
Das Gemeinschaftsopfer. In der Gísla saga Súrssonar (Kap. 10) heißt es, es sei allgemeine Sitte gewesen, „den Winter um diese Zeit mit Gastmählern und dem Winteranfangsopfer“ zu begrüßen; dort wird auch ein Opfer für Freyr genannt. In der Eyrbyggja saga (Kap. 37) hält Snorri der Gode ein Herbstfest mit reichlich Bier. Es war, in Gunnells Worten, ein „halb-öffentliches“ Fest auf Einladung: im Haus, mit Schlachtung, gelegentlich aber mit Außenspielen.
Das Disablot. Mehrere Sagas bezeugen zu den Winternächten ein Disablot, ein Opfer an die Disen, weibliche Schutzmächte von Individuum, Familie und Sippe. Die Egils saga (Kap. 44) schildert ein Disenopfer bei nächtlichem Schwarzmonddunkel (niðamyrkr) im Herbst; die Víga-Glúms saga (Kap. 6) nennt das dísablót ausdrücklich. Am eindrücklichsten ist der Þiðranda þáttr: Beim Winteranfangsblót erscheinen neun schwarz gekleidete Frauen aus dem Norden und neun weiß gekleidete aus dem Süden, die alten und die neuen Disen der Familie.
Das Alfablot und der Ahnenkult. Eng verwandt, aber nicht dasselbe: Der Skalde Sigvatr Þórðarson wurde 1018 an mehreren schwedischen Höfen abgewiesen, weil dort das Alfablot begangen wurde, ein privates Hausopfer an die Alfar, zu dem Fremde nicht eingelassen wurden. Da altnordisch álfr auch „Geist eines Verstorbenen“ bedeuten kann, dürfte das Fest Ahnenverehrung eingeschlossen haben, ein Befund, der es an den herbstlichen Totengedenk-Charakter der Jahreszeit rückt.
Hochzeiten und Wettspiele. Die Valla-Ljóts saga bezeugt Hochzeiten zu den Winternächten, Gísla saga und Eyrbyggja saga die knattleikr-Ballspiele, ein dem Hurling ähnliches Schlagballspiel, zu dem Männer aus der ganzen Gegend zusammenkamen.
Befund und Deutung
Ártala hält Befund und Deutung sauber getrennt. Gesicherter Befund ist die lunare Lage des Festes, seine drei Nächte, und dass Disablot, Alfablot, Gastmahl, Hochzeiten und Wettspiele in den Quellen an die Winternächte gebunden sind. Deutung ist dagegen, wie diese Schichten zusammenhängen. Gunnell schlägt vor, zwischen zwei getrennten Disen-Festen zu unterscheiden, die oft in einen Topf geworfen werden: einem herbstlichen Familienopfer zu den Winternächten in Westskandinavien und einem eigenen Frühjahrsfest der Disen in Uppsala. Und die Verbindung der Winternächte zum Jahresanfang, etwa über die von Tacitus (Annalen I, 50–51) bei den Marsern erwähnte Göttin Tamfana, die man als „Herrin des Zeitmaßes“ gedeutet hat, ist reizvoll, aber nicht gesichert: eine Deutung, keine Gewissheit. Auch das von Widukind von Corvey bezeugte sächsische Herbstfest mit Totenfeiern gehört in dieses Umfeld, ohne dass sich eine direkte Linie ziehen ließe.
Die Winternächte heute
Wer die Winternächte begehen möchte, feiert sie zum Vollmond des Wintermonds: die Ehrung der Disen, Ahnen und Alfar, ein gemeinschaftliches Mahl und, im Geist der knattleikr, Bewegung im Freien. Die Erzählung von Thidrandi eignet sich als Lesung. Den genauen Termin fürs eigene Jahr muss dabei niemand von Hand ausrechnen: Die App Ártala bestimmt den Vollmond des Wintermonds astronomisch korrekt und liefert im Blót-Lexikon zu jedem Fest eine quellenbasierte Beschreibung, getrennt nach Befund, Rekonstruktion und Annahme. Ártala ist als Web-App, für Android und für iOS verfügbar: artala.jahrzaehler.de.
Quellen
- Beda Venerabilis, De temporum ratione, Kap. 15 „De mensibus Anglorum“ (um 725) – Winterfilleth als „Wintervollmond“.
- Terry Gunnell, „The Season of the Dísir: The Winter Nights and the Dísablót in Early Medieval Scandinavian Belief“, Cosmos 16 (2000), S. 117–149.
- Andreas Nordberg, Jul, disting och förkyrklig tideräkning, Uppsala 2006.
- Gísla saga Súrssonar (Kap. 10, 15) – Winteranfangsopfer und Freyr-Opfer.
- Egils saga Skallagrímssonar (Kap. 44) – Disablot bei niðamyrkr im Herbst.
- Víga-Glúms saga (Kap. 6); Eyrbyggja saga (Kap. 37); Valla-Ljóts saga; Þiðranda þáttr ok Þórhalls.
- Sigvatr Þórðarson, Austrfararvísur (1018) – Alfablot als privates Hausopfer.
- Tacitus, Annalen I, 50–51 – Tamfana bei den Marsern; Widukind von Corvey – sächsisches Herbstfest.
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen.