Wer nach der Bedeutung eines einzelnen deutschen Monatsnamens sucht, stößt schnell auf eine geschlossen wirkende Reihe: Hartung, Hornung, Lenzing, Ostermonat, Wonnemonat, Brachet, Heuert, Ernting, Scheiding, Gilbhart, Nebelung, Julmond. So steht sie heute im Duden, und so wandert sie durch Kalenderblätter und Foren, meist mit dem Etikett "germanisch" versehen.[1]
Die Reihe hält dieser Prüfung nicht stand. Sie besteht aus zwei sehr verschiedenen Schichten, und ein Teil ihrer Namen ist keine tausend, sondern gut hundert Jahre alt. Dieser Beitrag nimmt jeden Namen einzeln vor: was er bedeutet, wo er zuerst auftaucht, wer ihn gegebenenfalls erfunden hat, und welche angelsächsischen und altnordischen Namen daneben stehen. Wie der Kalender als System funktioniert, mit Mondsichel, Schaltmonat und Wintersonnenwende, steht im germanischen Mondkalender; die Reihe der dreizehn rekonstruierten Mondmonate im Überblick bietet das Lexikon der germanischen Monatsnamen.
Deutung mit Vorbehalt
"Germanische Monatsnamen" ist ein Sammelbegriff für drei Überlieferungen, die man auseinanderhalten muss. Erstens die angelsächsischen Namen, die Beda Venerabilis um 725 aufzeichnet.[2] Zweitens die althochdeutschen Namen, die Einhard für Karl den Großen überliefert, wobei Zautner betont, dass Karl selbst einzelne Namen recht willkürlich vergeben hat.[3] Drittens die neuhochdeutsche Reihe, die Nationalromantiker am Ende des 19. Jahrhunderts zusammenstellten.[1] Nur die ersten beiden sind Befund. Die dritte ist Rekonstruktion, teils freie Erfindung, und wird hier als solche gekennzeichnet.
Die dreizehn Porträts im Überblick
- Hartung – der Januar, erster Mondmonat
- Hornung – der Februar, zweiter Mondmonat
- Lenzing – der März, dritter Mondmonat
- Ostermonat – der April, vierter Mondmonat
- Wonnemonat – der Mai, fünfter Mondmonat
- Brachet – der Juni, sechster Mondmonat
- Heuert – der Juli, siebter Mondmonat
- Der Schaltmond – der dreizehnte, sommerliche Einschub
- Ernting – der August, achter Mondmonat
- Scheiding – der September, neunter Mondmonat
- Gilbhart – der Oktober, zehnter Mondmonat
- Nebelung – der November, elfter Mondmonat
- Julmond – der Dezember, zwölfter Mondmonat
Eine Vorbemerkung zur Endung. Ob ein Monat auf "-monat" oder auf "-mond" endet, ändert nichts an seiner Bedeutung. Nach Heinrich Heeger tritt "Mond" erst gegen Ende des Mittelalters an die Stelle von "Monat".[7] Sprachgeschichtlich ist der Monat ohnehin nichts anderes als ein Mond: urgermanisch mēnōþ ist eine direkte Ableitung von mēnō.[13]
Hartung: der harte Monat
Der Januar heißt althochdeutsch Wintarmanoth oder Hartimanoth, Wintermonat oder Härtemonat, denn er ist der kälteste und härteste Monat des Jahres.[3] Der Hartmond weist daneben auf das harte Eis dieser Zeit hin.
Die heute gängige Schreibung Hartung ist jung. Hermann von Pfister-Schwaighusen prägte sie 1893 durch Umformung von "Hartman", zusammengesetzt aus der harten Erde und Man für Mond.[5] Wer also "Hartung" schreibt, benutzt einen Namen des 19. Jahrhunderts für einen Begriff, dessen Kern tatsächlich alt ist.
Wichtig ist eine Unterscheidung, die viel Verwirrung stiftet: Der ursprüngliche Wintermonat im Sinne eines Winterbeginns ist nicht dieser Monat, sondern der zehnte Mondmonat, siehe Gilbhart.[1]
Bei den Angeln trägt der Monat den Namen (æftera) jéola, "späteres Jól", der sich mit dem isländischen jólmánaðr deckt: Hier ist der Name des Festes auf den Monat übergegangen.[2] Ein weiterer isländischer Name, hrútmánuðr, leitet sich von hrútr ab, Schafbock oder Widder, womöglich eine Anspielung auf den Jólbock. Die dänisch-schonischen Namen Renden (Rentiermonat) und Glugmåned (Windmonat) passen ins selbe Bild des harten Winters.[10]
Hornung: der Zukurzgekommene
Hornung ist der am besten belegte und zugleich der überraschendste Name der Reihe. Er steht schon bei Einhard und geht auf althochdeutsch und mittelhochdeutsch hornunc zurück.[3] Seine Bedeutung hat nichts mit Hörnern von Tieren zu tun: Das germanische Wort hurna meint Horn, Spitze, Ecke, und hornunc bezeichnet "das in der Ecke gezeugte Kind", also den Bastard, den Bankert, den Zukurzgekommenen. Auch im Altnordischen heißt das uneheliche Kind hornung.[1]
Gemeint ist damit der Februar als der zu kurz geratene Monat, der im julianischen und gregorianischen Kalender nur 28 oder 29 Tage zählt. Daraus folgt ein Argument, das für den ganzen Kalender zählt: In einem echten Mondkalender, dessen Monate alternierend 29 oder 30 Tage dauern und damit im Prinzip gleich lang sind, kann ein solcher Name nicht entstehen.[1] Hornung gehört also in die julianische Zählung, nicht in die lunare.
Beda nennt den zweiten Mondmonat solmónað.[2] Der Name meint wohl "Schlammmonat" oder "Suhlmonat", von altenglisch solu, Suhle, Pfütze, Morast, verwandt mit dem neuhochdeutschen Suhle. Beda berichtet, die Angeln hätten in diesem Monat den Göttern Kuchen geopfert. Zautner gibt zu bedenken, dass sich darin nach England vorgedrungenes römisches Brauchtum spiegeln könnte, denn der Februar war der Monat der parentalia, des römischen Ahnengedenkens mit gebackenen Seelenbroten.[1]
Semantisch dazu passt ein deutscher Name: Sprokelmonat, Sporkelmonat oder Sporkele. Benannt ist er nach einer weiblichen mythischen Gestalt, der Spurkele oder Frau Spörkelse, deren Name die Springende, die Sprengende, die Berstende bedeutet, weil sie die winterliche Eisdecke zum Zerspringen bringt, wie es die Sonne tut. Es heißt, die Spörkelsin habe sieben Kittel an, immer einen länger als den nächsten; diese Kittel schüttelt sie und erzeugt damit die Winde des Februars.[1]
Der alemannisch-bayerische Rebmonat leitet sich vom mundartlichen räbeln ab, sich rühren, lärmen, poltern: Unter der Eisdecke beginnt es sich zu regen. Der niederdeutsche Wiwermônd oder Ollewîwermônd, Alte-Weiber-Monat, spielt auf die Weiberumzüge zur Fasnacht an, und im Volksmund heißt es, die Weiber seien die Wetterregentinnen im Februar. Ein weiterer anglischer Name, fillibrook, meint die Zeit, in der sich die Flüsse füllen.[1]
Alles zusammen deutet auf einen Monat, den man mit dem beginnenden Tauen verband. In Skandinavien, wo man länger auf das Tauen wartet, heißt er dagegen þorri (norwegisch Torre, schwedisch Thorre), ein mythischer Name für einen Winterriesen; þorri bedeutet frostige Dürre. Auf seinen Vollmond fiel ursprünglich das Þorrablót.
Lenzing: eigentlich gar kein Monatsname
Die heute übliche Bezeichnung für den März ist Lenzing. Lenz und seine Varianten Lenzmonat, Lenzmond und Lenzing leiten sich vom althochdeutschen lenzo oder lengzo beziehungsweise vom germanischen langat-tin ab und meinen die länger werdenden Tage.[1] Einhard überliefert Lentzinmanoth.[3]
Zautner hält dagegen einen Einwand fest, der selten zu lesen ist: Heute bezeichnet der Lenz stets die ganze, drei Monate dauernde Frühlingszeit. Im eigentlichen Sinn ist Lenzing damit gar kein Monatsname, sondern ein Synonym für Frühjahr, und in dieser Bedeutung wohl eine jüngere Wortschöpfung.[1]
Beda nennt den dritten Mondmonat hréðmónað und bringt ihn mit einer Göttin Hreða in Verbindung.[2] Etymologisch ist sie schwer zu deuten. Ihr Name könnte zu altenglisch hréð gehören, schnell oder rasch, oder zu jenem hréð-, das als Namensbestandteil in hréðgotan und hréðcyning auftritt und sich kaum interpretieren lässt.[8] Die Appenzeller Chronik kennt die Form redmanot; Weinhold leitet den Namen von althochdeutsch hradi/redi ab und zieht damit eine Verbindung zu räbeln und "sich rühren".[11] Im späteren Angelsächsischen ist hlŷdmónað überliefert, der "Monat der laut tosenden Gießbäche".
Skandinavisch heißt der Monat gói. Góa war wohl eine Fruchtbarkeitsgottheit, der Sage nach die Tochter des mythischen Königs Þórri; ihr Name erinnert an die norddeutsche Frau Gaue und an die schonische Frau Gyja, eine Wetter- und Schneegöttin. Etymologisch soll er sich von giwên/gewôn herleiten, die Auftauende, die Öffnende.[1] In diesem Monat feierte man in Schweden das Disting, ein Fest zu Ehren der Disen, die im ersten Merseburger Zauberspruch als Idisen erscheinen. Dänisch und schwedisch kennt man thurrmånad, den Monat, in dem es wieder trocken wird, den die Volksetymologie später auf den Donnergott Thor umdeutete: Tormåned.[10]
Ostermonat: der beständigste Name
Der vierte Monat trägt über die Zeiten und über die Sprachgrenzen hinweg denselben Namen. Einhard hat Ostarmanoth, Beda eosturmónað: Die althochdeutsche und die altenglische Form stimmen überein.[3][2] Ostermonat ist damit der stabilste Name der ganzen Reihe und einer der wenigen, an dem das 19. Jahrhundert nichts zu verbessern fand.
Beda nennt Eostre als heidnische Frühlingsgöttin, der in diesem Monat ein Fest gewidmet gewesen sei. Hier ist Vorsicht geboten. Jakob Grimm rekonstruierte aus dem deutschen Monatsnamen und Bedas Notiz den Göttinnennamen Ostara, den Zautner "etwas verunglückt" nennt; Ostra oder urgermanisch *Austrô wären richtiger. Ob die bei Beda genannte Göttin wirklich verehrt wurde, bleibt umstritten: Eine pangermanische oder deutsche Eostre gilt als weitgehend unwahrscheinlich, während die Deutung des altenglischen Eostre als Beiname einer im östlichen Kent verehrten Göttin weiter vertreten wird.[8]
Eine ganz andere Herleitung des Wortes Ostern zieht neben den germanischen auch polabische, kaschubische und sorbische Zeugnisse heran und stellt es zur Sippe um das Verb osen, mittelniederdeutsch für schöpfen und schütten. Aus der Zusammenschau ergäbe sich ein zunächst heidnisches, später christlich adaptiertes Fest mit einer Wasserweihe.[9]
Kalendarisch ist dieser Monat ein Angelpunkt. Sein Vollmond eröffnet im zweigeteilten germanischen Jahr den Sommer, Sumarmál. Sieht man von der heutigen Verlegung auf den Sonntag ab, fällt das Osterfest bis heute meist auf den von Beda überlieferten heidnischen Termin.[1] Der isländische Name einmánuðr bleibt unsicher; wahrscheinlich meint er schlicht "ein Monat" oder "erster Monat", denkbar wäre auch ein Gegenpart zum doppelten tvímanuðr, dem Zwiemonat des Schaltjahres.
Wonnemonat: die Wonne ist eine Weide
Der Wonnemonat oder Wonnemond hieß althochdeutsch winni- oder wunnimanod, mittelhochdeutsch wunne- oder winnemanot, und Einhard überliefert Winnemanoth.[3] Der Name kann zweierlei bedeuten: Weidemonat und Freudenmonat. Die zugrunde liegenden Begriffe wunni (Freude, Lust) und wunne (Lust- und Weideplatz) gehen auf gotisch winja (Weide, Futter) und germanisch wunjo zurück.[1] Die heutige "Wonne" des Mai ist also ursprünglich eine Weide. In Schwaben gebrauchte man daneben den Namen Lustmonat.
Beda nennt den Monat þrimilchi, weil die Kühe jetzt dreimal täglich gemolken worden seien.[2] Nach einem langen Winter konnte das Vieh endlich wieder auf die Weide, und der Milchertrag stieg kräftig. Beda hält außerdem fest, dass die Fruchtbarkeit in dieser Zeit besonders hoch war und dem wohl auch kultisch Rechnung getragen wurde.
Snorri nennt den Monat gaukmánuðr und sáðtíð, Monat des Kuckucks und Zeit der Aussaat. In ihn fiel lögarðsönn, der Zeitpunkt, an dem man die gesetzlichen Grenzen seines Hofes absteckte. Dänisch hieß der fünfte Monat schlicht sommermaen.[10]
Brachet: das ruhende Feld
Der deutsche Name für den Juni ist Brachet, die süddeutsche Kurzform von Brachmonat oder Brachmond. Er benennt eine Arbeit: In der Dreifelderwirtschaft wurde in diesem Monat das Brachfeld bearbeitet.[1] Einhard hat Brachmanoth, der Name gehört also zum alten Kern.[3]
Beda nennt den sechsten und den siebten Monat beide líða.[2] Líða meint "sanft" oder "schiffbar": Die See lag jetzt glatt und ließ sich befahren.[4] Ein weiterer anglischer Name, sere- oder seármónað, meint trockener, dürrer, heißer Monat und passt zum Brachmond.
Isländisch heißt der sechste Mondmonat nach Snorri eggtíð und stekktíð, die Zeit der Eier und die Zeit, Fleisch zu braten; der Monat nach der Sommersonnenwende trägt den Namen sólmánuðr, Monat der Sonne.[1] An die Sommersonnenwende band Island den Termin des Allthings. Dahinter stand eine Vorstellung, die sich lange hielt: dass Recht nur am Tag und nur in der sonnigsten Jahreszeit gesprochen werden dürfe. Noch im 18. Jahrhundert wurde an den Schweizer Landsgemeinden gefragt, "ob die Sonne hoch genug stehe, daz es Zeyt sey, über das Blut zu richten".[1]
Heuert: das Winterfutter
Der siebte Monat war im ganzen germanischen Gebiet dem Einbringen des Winterfutters gewidmet. Nach der Heuernte benannt, hieß er in deutschen Landen hewimanoth, bei Einhard Heuvimanoth, dänisch hoemaen.[3] Heuert ist die verkürzte neuere Form. Die Angeln kannten neben líða auch mædmónað, den Mahdmonat; isländisch steht heyannir, die Heuarbeiten.[2]
Aus der Reihe fällt ein dänischer Name: ormemåned, Schlangen- oder besser Natternmonat.[10]
Kalendarisch trägt dieser Monat das alte Mittsommer. Laut Primstav lag es hier, weil dieser Vollmond im Jahresrad genau dem Vollmond des Jól- und Mittwinterfestes im ersten Mondmonat gegenübersteht.[1] Darum kennt das Altisländische für diesen Monat auch den Namen miðsumar.
Der Schaltmond: der dreizehnte, den es nicht immer gibt
Zwischen Heumond und Erntemond kann ein dreizehnter Monat stehen, der in der deutschen Namensreihe fehlt, weil diese der julianischen Zwölfteilung folgt. Beda bezeugt den Begriff þrilíða, das "Drei-Líða-Jahr", also ein Jahr mit drei Líða-Monden.[2] Altnordisch heißt er aukamánaðr oder aukatungl, der zusätzliche Monat, der zusätzliche Mond; bei Wormius steht dänisch sildemæn, der späte Monat.[10]
Dass der Einschub gerade in den Sommer fällt und nicht in den dunklen Winter, ist Zautners Rekonstruktion und nicht mehr Bedas Wortlaut: Bedas Zeugnis reicht für die genaue Position nicht aus.[1] Der sommerliche Einschub hält den Mittsommertermin sauber im siebten Monat. Warum das astronomisch aufgeht, führt der germanische Mondkalender aus.
Ernting: Korn und Kraut
Erntemonat und Erntemond gehen auf althochdeutsch arnoti zu ar(a)n zurück, das alte Wort für Ernte, und weisen auf die Getreideernte. Einhard hat Aranmanoth.[3] Die Form Ernting dagegen prägte Adolf Reinecke erst 1893.[6]
An dieser Stelle lohnt eine Randbemerkung zur Rekonstruktionsgeschichte. Als der Rechtsgelehrte Justus Friedrich Runde 1781 versuchte, aus Einhard und Beda eine deutsche Monatsreihe zu rekonstruieren, beseitigte er zwar die willkürlichen Eingriffe Karls des Großen mehr oder minder, setzte aber einen "Ährenmonat" an. Das ist falsch, denn aran ist die alte Form für Ernte, nicht für Ähre.[7]
Beda nennt den achten Mondmonat weodmónað, den Monat des Un- oder Krauts.[2] Nordisch steht kornskurðarmánuðr (isländisch) oder kornmaen (dänisch), der Monat des Kornschnitts, und schwedisch skördemånad, der Schnittmonat: Getreideernte und Heuschnitt gingen ineinander über.[1]
Scheiding: eine Neubildung mit falscher Etymologie
Herbstmonat und Herbstmond leiten sich vom Wort Herbst ab, das, wie das englische harvest bis heute, eigentlich Ernte bedeutet.[1] Einhard hat für den September Witumanoth, den Holzmonat, den Zautner zu den willkürlich vergebenen Namen zählt: Holz hacken lässt sich zu jeder Jahreszeit.[3] Die Form Herbsting stammt wieder von Adolf Reinecke, 1893.[6]
Scheiding wird gern damit erklärt, es sei der Monat, der die warme von der kalten Jahreszeit scheidet. So führte ihn Pfister-Schwaighusen 1893 ein. Zautner hält dem entgegen, dass es sich um eine Neubildung aus nordumbrisch skeadhing handelt und der Name daher willkürlich eingefügt wurde.[5] Die verbreitete Deutung ist damit eine nachträgliche Erklärung für ein neu gebildetes Wort.
Bei den Angeln hieß dieser letzte Sommermonat haligmonað, heiliger Monat; Beda nennt ihn einen "Monat der Opferungen", ohne Einzelheiten des Ritus zu nennen.[2] Daneben war ihnen hærfestmónað bekannt. Isländisch steht haustmánuðr, Herbstmonat. Das haustblót, das Herbstopfer, liegt allerdings am Vollmond des zehnten Monats, nicht in diesem. Dänisch trägt der neunte Monat den Namen fiskemåned, Fischereimonat, während der höstmåned dort schon auf den achten fällt.[10]
Gilbhart: aus der Luft gegriffen
Kein Name der Reihe steht auf dünnerem Grund. Gilbhart ist eine neuhochdeutsche Neubildung aus gilb, dem gelben Herbstlaub, und Hart, dem Bergwald, wie er in Ortsnamen wie Spessart (Spechtwald) steckt.[1] Eingeführt hat sie Hermann von Pfister-Schwaighusen 1893. Der Germanist Otto Brenner urteilte darüber im Jahr 1900, der Name sei "willkürlich aus der Luft gegriffen".[5]
Alt belegt ist für den Oktober etwas anderes: Einhard hat Windumemanoth.[3] Der Name geht auf lateinisch vinum (Wein) und demere (abnehmen) zurück, meint also den Weinlesemonat, und wurde später zu Weinmonat oder Weinmond verkürzt. Auch die Angeln kannten regional winmónað. Dazu gehört eine sprachliche Feinheit, die für den Norden zählt: Mit Weinbeeren bezeichnete man im germanischen Sprachraum auch Johannisbeeren und Blaubeeren, wie das schwedische vinbär bis heute zeigt. Da es in nördlichen Gefilden keine Weintrauben gab, ist ebenso eine Deutung als Johannis- oder Blaubeer-Lesemonat denkbar. Dasselbe gilt übrigens für Vinland, den Wikingernamen für Neufundland.[1]
Der wichtigste Befund zu diesem Monat steht aber bei Beda, und er betrifft den Winteranfang. Die Angeln nannten ihn winterfylleth, was Beda als Wintervollmond erklärt: Mit dem Vollmond dieses Monats beginnt der Winter.[2] Ein Fest zu diesem Vollmond entspräche zeitlich den skandinavischen Winternächten (vetrnætr), die den Winterbeginn ebenfalls markieren. Auch die deutschen Realglossare kennen für den zehnten Mondmonat die Bezeichnung Wintermonat, sodass man auch für diesen Raum von einem Winterbeginn in diesem Monat ausgehen kann.[1] Wer also nach dem "Wintermonat" sucht, findet ihn hier und nicht im Januar.
Der Windmonat geht volksetymologisch auf den "kleinen Weinmonat" zurück und ist für den zehnten oder elften Monat gebräuchlich. Dänisch steht Sædemaen, der Monat der Herbstaussaat.[10]
Nebelung: eine Übersetzung aus dem Französischen
Der November heißt bei Beda blótmonað.[2] Der Name geht auf altenglisch blótan zurück, opfern und schlachten, das dem althochdeutschen bluozan entspricht. Die neuhochdeutsche Bezeichnung müsste demnach *Blozmonat lauten.[1] Der November war im ganzen germanischen Raum die traditionelle Schlachtzeit, und es gibt Hinweise darauf, dass gerade die Angeln das Schlachten als heilige Angelegenheit betrachteten und die zu tötenden Tiere als Opfer weihten.
Der deutsche Sprachraum kennt dazu Schlachtmonat, das Schwedische blotmånad und slaktmånad (dort allerdings für den Oktober), das Dänische slagtemåned, das Niederländische slachtmaand. Semantisch passt der isländische gormánuðr: Norwegisch und altschwedisch gor, altdänisch gur bezeichnet den Inhalt der beim Schlachten ausgeweideten Därme. Dazu stimmt die dänische Bezeichnung pølsemaen, Wurstmonat, aus dem Dreizehn-Monats-Kalender des Olaus Wormius, denn Würste sind mit Fleisch gefüllte Därme.[10] Gerade dieser profane Name ist für Zautner ein Argument gegen ein großes Schlachtfest.[1]
Nebelung hat mit alldem nichts zu tun. Nebelmonat und Nebelmond weisen auf den Nebel dieser Zeit, und der Nebelung wurde 1893 von Pfister-Schwaighusen erfunden.[5] Zautner hält fest, dass es sich dabei nur um eine Übersetzung des französischen brumaire handelt, also des Nebelmonats aus dem Revolutionskalender.[1] Ein Name, der als germanisch gilt, stammt damit aus dem republikanischen Frankreich.
Im Althochdeutschen finden sich für den November die Bezeichnungen Herbistmanoth, Wintermanoth und Windmonat, wobei diese Namen teils auch für September und Oktober galten. Einhard hat für den November Herbistmanoth.[3]
Julmond: eine Entlehnung aus dem Schwedischen
Bei den Angeln war der letzte Monat des Jahres der frühe Jólmonat, altenglisch ærra jéola.[2] In ihn fallen die Wintersonnenwende und die Mütternacht (Modranecht), und nach der Verlegung des heidnischen lunaren Jólfestes auf den Tag der Geburt Jesu, die unter anderem Hákon der Gute für Skandinavien belegt, auch das christliche Weihnachtsfest. So bezeichnete noch in christlicher Zeit der geohholmónaþ beziehungsweise der altnordische jólmánuðr den Dezember als Monat des Weihnachtsfestes.[12]
Der moderne deutsche Julmond ist dagegen jung und entlehnt: Er kommt aus dem Schwedischen, wo Jul Weihnachten heißt, und wurde 1846 vom "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn bei den Turnern als zwölfter Monat eingeführt.[7] Der moderne Begriff Jul selbst geht auf altnordisch jól zurück. Einhard hat für den Dezember noch Heilagmanoth, den heiligen Monat.[3]
Was von der Reihe bleibt
Stellt man die zwölf Namen der Duden-Reihe neben Einhards Liste, sortiert sich das Bild. Aus dem alten Bestand stammen Hornung, Ostermonat, Wonnemonat, Brachet und Heuert; sie stehen im 9. Jahrhundert und waren in deutschen Dialekten bis ins 16. bis 18. Jahrhundert in Gebrauch.[4] Neu gebildet oder umgeformt wurden dagegen Hartung, Ernting, Scheiding, Gilbhart und Nebelung, alle 1893, dazu Julmond 1846 und Lenzing, das im Kern ein Wort für die Jahreszeit ist.[5][6][7]
Das entwertet die jungen Namen nicht als Sprache. Es ordnet sie nur richtig ein: Sie zeigen ein romantisches Verhältnis zum naturnahen bäuerlichen Landleben, wie Zautner es formuliert, und nicht die Zeitrechnung der Germanen.[1] Wer den Kalender selbst sucht, findet ihn bei Beda und in den altnordischen Namen, und dort läuft die Zählung nicht in zwölf julianischen Monaten, sondern in dreizehn Monden.
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Quellen
- Beda Venerabilis, De temporum ratione, Kap. 15 ("De mensibus Anglorum", um 725) – angelsächsische Monatsnamen, Winterbeginn zum winterfylleth-Vollmond, þrilíða-Schaltjahr.
- Einhard, Vita Karoli Magni, Kap. 29 (9. Jh.) – die zwölf althochdeutschen Monatsnamen Karls des Großen.
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen, Edition Roter Drache – Kapitel "Die Monatsnamen im Einzelnen"; Datierung und Kritik der neuhochdeutschen Namensreihe.
- Jean-Pierre Poirier, The Names of the Months in Europe: Agricultural and Meteorological Influences, European Review 15/2 (2007), S. 199–207.
- Philip A. Shaw, Pagan Goddesses in the Early Germanic World (2011) – zur Quellenlage bei Eostre und Hreða.
- Jürgen Udolph (2011) – zur osen-Herleitung des Osterfestes.
Einzelnachweise
Geschützte Sekundärliteratur (Zautner, Edition Roter Drache) wird nur über Kapitel referenziert, nicht im Volltext zitiert. Die Datierungen der neuhochdeutschen Monatsnamen folgen den dort ausgewerteten Angaben.
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen, Edition Roter Drache (ISBN 978-3-96426-034-5), Kapitel "Die Monatsnamen im Einzelnen" – Etymologien, Nebenformen und die Einordnung der nationalromantischen Namensreihe.
- Beda Venerabilis, De temporum ratione, Kap. 15 ("De mensibus Anglorum", um 725): solmónað, hréðmónað, eosturmónað, þrimilchi, líða, weodmónað, haligmonað, winterfylleth, blótmonað, ærra/æftera jéola, þrilíða.
- Einhard, Vita Karoli Magni, Kap. 29: Wintarmanoth, Hornung, Lentzinmanoth, Ostarmanoth, Winnemanoth, Brachmanoth, Heuvimanoth, Aranmanoth, Witumanoth, Windumemanoth, Herbistmanoth, Heilagmanoth. Zautner merkt an, dass einzelne dieser Namen (u. a. witumanoth) von Karl dem Großen willkürlich vergeben wurden.
- Jean-Pierre Poirier, The Names of the Months in Europe: Agricultural and Meteorological Influences, European Review 15/2 (2007), S. 199–207, DOI 10.1017/s106279870700021x – agrarisch-meteorologischer Ursprung der Monatsnamen; Einhards Namen in deutschen Dialekten bis ins 16.–18. Jh. in Gebrauch; lida als "mild or navigable".
- Hermann von Pfister-Schwaighusen (1893) prägte Hartung, Scheiding, Gilbhart und Nebelung. Das Urteil "willkürlich aus der Luft gegriffen" über Gilbhart stammt vom Germanisten Otto Brenner (1900). Nachweis über Zautner, Kap. "Die Monatsnamen im Einzelnen".
- Adolf Reinecke (1893) prägte die Formen Ernting und Herbsting. Nachweis über Zautner, ebd.
- Justus Friedrich Runde versuchte 1781 eine Rekonstruktion der deutschen Monatsreihe aus Einhard und Beda (mit dem fehlerhaften "Ährenmonat", da aran die alte Form für Ernte ist). Friedrich Ludwig Jahn führte 1846 den Julmonat als zwölften Monat ein. Zum Wechsel von "Monat" zu "Mond" am Ende des Mittelalters: Heinrich Heeger, referiert bei Zautner, ebd.
- Philip A. Shaw, Pagan Goddesses in the Early Germanic World (2011): Eostre wahrscheinlich Beiname einer lokal im östlichen Kent verehrten Göttin, eine pangermanische Eostre/Ostara dagegen unwahrscheinlich; Hreða etymologisch kaum zu deuten.
- Jürgen Udolph (2011): Herleitung von "Ostern" aus der Sippe um mittelniederdeutsch osen (schöpfen, schütten) unter Einbezug polabischer, kaschubischer und sorbischer Zeugnisse; Deutung als Fest mit Wasserweihe.
- Olaus Wormius, Fasti Danici (1626) – dänische Monatsreihen, u. a. pølsemaen, sildemæn, ormemåned, fiskemåned, Sædemaen, Renden, Glugmåned; altnordische Namen nach Ari Þorgilsson.
- Karl Weinhold (1869) leitet hréðmónað von ahd. hradi/redi bzw. ags. hrað/hreð ab; die Appenzeller Chronik hat die Form redmanot.
- Bosworth-Toller, An Anglo-Saxon Dictionary (Onlineausgabe 2010) zu geohholmónaþ; zur Verlegung des Jólfestes auf den Weihnachtstermin durch Hákon den Guten: Snorri Sturluson, Heimskringla, Hákonar saga góða.
- Gerhard Köbler, Germanisches Wörterbuch (2014): urgerm. mēnōþ "Monat" als Ableitung von mēnō "Mond".