Der Himmel dreht sich
Wer in einer klaren Nacht eine Kamera auf den Nordhimmel richtet und eine Stunde lang belichtet, bekommt kein Bild aus Punkten, sondern aus Kreisbögen: Jeder Stern zieht eine Spur, und alle Spuren kreisen um denselben Punkt. Die Erde dreht sich, und für den Beobachter dreht sich stattdessen der Himmel – alles, was dort oben steht, beschreibt im Lauf eines Tages einen vollen Kreis. Die sichtbaren Stücke dieser Kreise heißen Tagbögen: der Bogen der Sonne von Aufgang bis Untergang ist nur der bekannteste davon.
Ein einziger Punkt steht dabei still: der Himmelspol, die verlängerte Erdachse am Himmel. Heute steht ihm der Polarstern so nahe, dass er für das bloße Auge feststeht, während alles um ihn kreist. Sterne in seiner Nähe gehen nie unter; sie heißen zirkumpolar und sind in jeder klaren Nacht des Jahres zu sehen. Ganz ortsfest ist selbst der Pol nicht: Die Erdachse taumelt in rund 26.000 Jahren einmal im Kreis (die Präzession), und in der Wikingerzeit stand der heutige Polarstern noch spürbar neben dem Pol – das Kreiszentrum war damals eine sternarme Stelle.
Damit ist der Himmel eine Uhr, und zwar eine mit mehreren Zeigern. Die Sonne zeigt die Tageszeit und, über die Höhe ihrer Bahn, die Jahreszeit – daraus entstehen die Sonnenkalender. Der Mond zählt mit seinen Phasen die Monate – daraus entstehen die Mondkalender. Und wer beide Zeiger zusammen liest, baut einen Lunisolarkalender, wie es die meisten Kulturen Eurasiens taten. Bis hierher braucht es keine einzige alte Quelle: Diese Uhr hängt über jedem Nachthimmel, und jede Kultur, die zum Himmel aufsah, hat sie gelesen.
Die Frage, um die es in diesem Beitrag geht, beginnt danach: Wie hat der Norden diese Drehung gedacht? Drei Bilder sind überliefert oder erschlossen – eine Mühle, ein Nagel, ein Strudel. Sie sind unterschiedlich gut belegt, und genau diese Unterschiede lohnen den Blick.
Die Weltmühle
Andreas E. Zautner eröffnet sein Buch über den germanischen Mondkalender – die verbindliche Referenz dieses Projekts – mit einem Kapitel, das den Titel dieses Abschnitts trägt: "Die Weltmühle dreht sich".[1] Schon das Wort "Welt" führt dorthin: Althochdeutsch weralt ist zusammengesetzt aus wer ("Mensch", wie in "Werwolf") und -alt – gemeint ist das Zeitalter, in dem die Menschen leben. "Welt" war ein Zeitwort, ehe es ein Raumwort wurde. Für den Kosmos als Bauwerk gab es das Wort weraltzimbar, das "Weltzimmer" oder "Weltgebäude" – überliefert allerdings nur bei Notker von St. Gallen um das Jahr 1000, als Übersetzung des lateinischen machina mundana; ob es älter ist als seine lateinische Vorlage, lässt sich nicht sagen.[2]
Dieses Weltgebäude steht nicht still. Das drehende Prinzip trägt in der Edda einen Namen: Mundilfæri. Das Lied Vafþrúðnismál stellt ihn in Strophe 23 vor (hier in der Übersetzung Karl Simrocks):
"Mundilfari heißt des Mondes Vater / und so der Sonne. / Sie halten täglich am Himmel die Runde / den Menschen als Jahrzähler."[3]
Belegt ist an dieser Strophe zweierlei, und beides trägt weit. Erstens die Rolle: Mundilfæri ist der Vater von Sonne und Mond, die beiden großen Zeiger der Himmelsuhr sind seine Kinder – so auch in Snorris Gylfaginning.[3] Zweitens das Amt der Kinder: Sie kreisen "den Menschen als Jahrzähler", altnordisch ártali. Dasselbe Wort vergibt das Eddalied Alvíssmál als Namen des Mondes bei den Alfen, und in Strophe 25 der Vafþrúðnismál heißt es noch einmal, die Götter schufen die Mondphasen, "die Zeiten des Jahrs zu bezeichnen".[4] Der Mond ist in der Edda ausdrücklich als Zeitmesser eingesetzt. Von diesem ártali haben die App Ártala und diese Website – jahrzaehler.de – ihren Namen; wie das Zählwerk im Einzelnen funktioniert, steht im Beitrag zum germanischen Mondkalender.
Der Name Mundilfæri selbst ist schwieriger, und hier beginnt die Deutung. Die eine Lesart (Andreas Nordberg, übernommen von Zautner) hört darin altnordisch mǫndull, den Mühlenstab der Handmühle, plus -færi: "derjenige, der etwas in Bewegung setzt" – Mundilfæri wäre der, der die Weltmühle in Rotation versetzt. Die andere Lesart hört mund ("Zeit, Zeitpunkt") und den Fährmann (ferjo): der "Fährmann der Zeit", der Sonne und Mond wie auf bronzezeitlichen Bildern über den Himmel fährt.[1] Beide Deutungen sind begründet, keine ist beweisbar – gesichert ist nur die Vaterschaft.
Dass gerade die Mühle das nächstliegende Bild war, hat einen handfesten Grund: Die Handmühle war das Drehgerät des Alltags, ihr Läuferstein kreist um den festen Stab in der Mitte. Und mindestens ein mittelalterlicher isländischer Gelehrter hat genau diesen Vergleich aufgeschrieben. In einer isländischen Enzyklopädie-Handschrift (AM 685 d 4to) heißt es, Sonne, Mond und Sterne führen von Ost nach West, "in der Weise, wie sich die Handmühle um den Mühlstab dreht, so drehen sich die Himmel" – ein Satz, der in der lateinischen Vorlage des Textes fehlt und also eine isländische Zutat ist.[5] Das Bild von der Mühle am Himmel war im Norden da, schriftlich, mittelalterlich, in gelehrter Prosa.
Die Säule und der Nagel
Eine Mühle dreht sich um ihre Achse. Wer das Weltbild ernst nimmt, muss fragen: Was ist die Achse der Welt? Hier antworten die Quellen zweimal – einmal mit einer Säule, einmal mit einem Nagel – und beide Antworten verdienen einen genauen Blick darauf, was dasteht und was hineingelesen wurde.
Die Säule ist der besser bezeugte Teil. Der Mönch Rudolf von Fulda beschreibt zwischen 850 und 865 in der Translatio Sancti Alexandri das Heiligtum der heidnischen Sachsen: einen aufgerichteten mächtigen Holzstamm unter freiem Himmel, in ihrer Sprache Irminsul genannt, auf Latein eine universalis columna, quasi sustinens omnia – eine "All-Säule, die gleichsam alles trägt".[6] Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass Karl der Große dieses Heiligtum 772 zerstören ließ. Eine weltentragende Säule ist damit für die kontinentalen Sachsen des 8. Jahrhunderts attestiert – mit einer Fußnote, die zur Ehrlichkeit gehört: Rudolfs Sachsen-Kapitel ist über weite Strecken aus Tacitus und Einhard kompiliert, gerade der Irminsul-Satz aber hat keine erkennbare Vorlage und gilt als seine eigene Auskunft.
Auf Island, fünf Jahrhunderte später, stehen die Säulen im Haus. Die Eyrbyggja saga (Kapitel 4) beschreibt den Tempelhof des Goden Þórólfr: "Dort drinnen standen die Hochsitzsäulen, und darin waren Nägel; die hießen reginnaglar"[7] – wörtlich "Götternägel" oder "heilige Nägel". Mehr sagt der Text nicht. Wozu die Nägel dienten, was sie bedeuteten – die Saga schweigt, und das große Wörterbuch Fritzners setzt beim Stichwort reginnagli schlicht ein Fragezeichen. Der älteste Beleg des Wortes ist noch einmal anders gelagert: Um 1030 nennt der Skalde Þórarinn loftunga den toten König Olav den Heiligen einen reginnagli der lateinischen Buchsprache – eine christliche Metapher für "heiliger Fixpunkt", von Sternen keine Rede.[8]
Und der "Weltnagel"? Das Wort veraldarnagli existiert – genau ein einziges Mal. Es steht in einer Wortliste von Nagel-Bezeichnungen in einem Fragment der Snorra-Edda (AM 748 4to), eingereiht zwischen Bootsnagel, Stagnagel und dem sprichwörtlichen Vorbehaltsnagel, ohne ein Wort der Erklärung.[9] Die in populären Darstellungen oft wiederholte Angabe, das Wort stehe in der Rímbegla, dem isländischen Rechenbuch, ist falsch: In der gedruckten Edition von 1780 kommt kein einziges Nagel-Wort vor – wir haben es nachgeprüft.[9]
Wie wurde aus einem Wortlisten-Eintrag der Name des Polarsterns? Das ist keine Überlieferung, sondern Deutungsgeschichte, und sie lässt sich Schritt für Schritt datieren. 1910 verband der dänische Folklorist Axel Olrik erstmals reginnaglar, veraldarnagli und die Irminsul zu einer Kette: Der Nagel sei der Kultnagel oben in der weltstützenden Säule – vom Polarstern schreibt Olrik nichts.[10] Den Stern brachte der finnische Religionswissenschaftler Uno Holmberg in den 1920er Jahren ins Spiel, mit Material, das für sich genommen glänzend belegt ist: Die Samen nennen den Polarstern boahje-navlle, den "Nordnagel", der den Himmel stützt; die Esten sagen põhjanael, "Nordnagel"; Samojeden, Korjaken und Tschuktschen sprechen vom "Himmelsnagel" oder "Nagelstern", um den die Sterne kreisen wie angebundene Rentiere um einen Pfahl.[10] Der Lappland-Reisende Knud Leem beschrieb schon 1767 eine samische Opfersäule mit eingeschlagenem Eisennagel. 1934 schließlich zog Otto Sigfrid Reuter die Gleichung explizit: "Der 'Weltnagel' ist also nichts anderes als der Himmelspol oder der Polarstern." Reuters eigene Formulierungen davor sind eine einzige Konjunktiv-Kaskade ("will man … so darf man … die Möglichkeit ins Auge fassen"), und wo er das Bild bis ins zweite Jahrhundert zurückprojiziert, verlässt er jeden Quellenboden; sein Werk ist zudem im völkischen Umfeld entstanden und nur mit quellenkritischer Distanz benutzbar.[10]
Ein sprachliches Detail macht die Sache reizvoller: Das altnordische Wort nagli wurde als Lehnwort ins Finnische (naula), Samische (nav'le) und Estnische (nael) übernommen.[11] Die Völker, bei denen der "Himmelsnagel" wirklich bezeugt ist, benutzen dafür ein nordgermanisches Wort – das macht eine gemeinsame alte Vorstellung denkbar. Nur: Ein entlehntes Wort beweist keine entlehnte Sternkunde, die Richtung der Idee bleibt offen.
Die heutige Fachforschung trägt die Gleichung jedenfalls nicht geschlossen. Terry Gunnell, einer der führenden Nordisten, übersetzt die Eyrbyggja-Stelle nüchtern mit "nails, that were called holy nails" und kommt in seiner Deutung der isländischen Halle ganz ohne Astronomie aus – kosmologisch deutet er die Säulen, als Entsprechung des Weltenbaums, nicht die Nägel.[12] Margaret Clunies Ross liest den ältesten Beleg, die Olav-Strophe, konsequent christlich-liturgisch.[12] Und das deutsche Standardnachschlagewerk, Rudolf Simeks Lexikon der germanischen Mythologie, deutet die Nägel rein kultisch, führt den "Weltnagel" nur als ein aus verlorener Dichtung überliefertes Wort und hält für ungewiss, ob die Nägel überhaupt heidnisch sind – vom Polarstern kein Wort.[12] Ehrlich zusammengefasst: Zwei echte altnordische Wörter, ein gut belegtes Volksastronomie-Motiv bei den Nachbarvölkern, und dazwischen eine Brücke, die vor gut hundert Jahren die Forschung gebaut hat – nicht die Quellen. Sagen lässt sich: Ein altnordisches Wort "Weltnagel" ist überliefert, und die Forschung deutet es seit Olrik und Holmberg als Namen für den Himmelspol – ein Bild, das Samen, Finnen und Völker Sibiriens vom Polarstern tatsächlich kennen. Nicht sagen lässt sich: "Die Germanen nannten den Polarstern Weltnagel."
Der Strudel
Die Weltmühle hat noch ein drittes Bild hinterlassen, und das steht wieder auf festem Quellengrund. Snorri erzählt in den Skáldskaparmál von der Wundermühle Grotti, die mahlen kann, was immer man ihr aufträgt. Der Seekönig Mýsingr raubt sie und lässt die Riesinnen Fenja und Menja auf See Salz mahlen, bis sein Schiff unter der Last sinkt:
"Sie mahlten nur kurze Zeit, ehe das Schiff sank; und dort blieb danach ein Strudel (svelgr) im Meer, wo die See ins Mühlenauge fällt. Da wurde das Meer salzig."[13]
Der Meeresstrudel ist hier wörtlich das Auge der gesunkenen Mühle, die auf dem Grund weitermahlt – und nebenbei erklärt der Mythos, warum das Meer salzig ist. In derselben Nagel-Wortliste, die den veraldarnagli enthält, stehen übrigens zwei Wörter, die Reuter als "Inselmühle" und "Wirbelmühle" für das kreisende Weltmeer las – eine Deutung, aber eine, die zum Grotti-Bild passt.[13] Und noch unser Wort Mahlstrom trägt das Mahlen im Namen: Es ist aus niederländisch maalstroom entlehnt – malen heißt "mahlen", auch "drehen" – und bezeichnete ursprünglich den berühmtesten Gezeitenstrudel Europas vor der norwegischen Küste, den Moskstraumen bei den Lofoten.[14]
An dieser Stelle drängt sich eine Frage auf, und wir stellen sie offen: Fügen sich die Bilder zusammen? Eine Säule, die alles trägt; ein Nagel am Pol, um den der Himmel kreist; eine Mühle, die die Welt dreht; ein Strudel als ihr Auge im Meer – stand am Ende die Säule als Mühlenachse im Zentrum dieses ganzen Weltbildes? Die Antwort der Quellen ist ernüchternd: Kein überlieferter Text verbindet Säule, Nagel, Mühle und Strudel miteinander. Die Irminsul steht im kontinentalen 8. Jahrhundert, der Grotti-Strudel in isländischer Überlieferung des 13., der Weltnagel in einer Wortliste ohne Kontext. Die große Synthese, die alle Teile zu einem System verschmilzt, ist im 20. Jahrhundert mehrfach versucht worden und gilt der Forschung heute als Musterbeispiel für Überinterpretation.[13] Was wirklich bleibt, ist bescheidener und schöner: vier Bilder für dieselbe Beobachtung. Der Himmel dreht sich – und die Menschen des Nordens haben diese Drehung mit den Dingen gedacht, die sich in ihrem Alltag drehten.
Den Himmel wieder lesen
Von den vier Stationen dieses Beitrags ist die erste die wichtigste: Die Himmelsuhr läuft noch. Derselbe Pol steht über jedem klaren Nachthimmel, derselbe Mond zählt die Monate, wie er es tat, als ein Eddadichter ihn ártali nannte. Nur das Ablesen ist aus der Übung gekommen. Genau da setzt die App Ártala an: Sie liest die Himmelsuhr nach den Regeln des germanischen Lunisolarkalenders – berechnet Mondphasen und Monate astronomisch korrekt und auch offline, zeigt Schaltmonate und Feste, quellenbasiert und werbefrei. Wer wissen will, in welchem Mondmonat er gerade lebt, findet sie für Web, Android und iOS auf der Startseite von Ártala.
Einzelnachweise
Die zitierten Primärquellen sind online frei zugänglich (Editionen bzw. Scans auf archive.org, heimskringla.no, snerpa.is, onp.ku.dk). Geschützte Sekundärliteratur (Zautner, Edition Roter Drache) wird nur über Kapitel referenziert. Otto Sigfrid Reuters "Germanische Himmelskunde" (1934) wird ausschließlich quellenkritisch herangezogen: Das Werk ist im völkischen Umfeld entstanden; zitiert werden daraus nur nachgeprüfte Stellenangaben und seine eigenen Einschränkungen.
- Andreas E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen, Edition Roter Drache (ISBN 978-3-96426-034-5), Kap. 1 "Die Weltmühle dreht sich – zur Kosmographie der Germanen": weralt als Zeitbegriff, weraltzimbar, Mundilfæri als Rotationsprinzip; beide Namensdeutungen (Mühlenstab mǫndull bzw. "Fährmann der Zeit") nach Andreas Nordberg, Jul, disting och förkyrklig tideräkning (2006).
- Gerhard Köbler, Althochdeutsches Wörterbuch, s. v. weraltzimbar: drei Belege, alle bei Notker III. von St. Gallen (um 1000), als Übersetzung von lat. machina mundana / machina caeli / orbis; Köbler erwägt eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen. Zautners Einstufung als "ursprünglicher Begriff" ist entsprechend als Deutung zu lesen.
- Vafþrúðnismál 23 (Lieder-Edda, Codex Regius), Übersetzung Karl Simrock (1855); ebenso Snorri Sturluson, Gylfaginning 10: Mundilfæri als Vater von Sól und Máni.
- Alvíssmál 14: Die Alfen nennen den Mond ártali ("Jahrzähler"); Vafþrúðnismál 25: ný ok nið (die Mondphasen) schufen die Götter "den Menschen als Jahrzähler" (öldum at ártali). Vgl. Zautner, Kap. 8.
- Handschrift AM 685 d 4to, Bl. 31r (ediert in Alfræði íslenzk III, S. 75): Sonne, Mond und Sterne drehen sich, "wie sich die Handmühle (kvern) um den Mühlstab dreht"; der Vergleich fehlt in der lateinischen Vorlage (Imago mundi) und ist isländische Zutat. Hier zitiert nach O. S. Reuter, Germanische Himmelskunde (1934), S. 237 f.; die Alfræði-Edition wurde nicht selbst eingesehen.
- Rudolf von Fulda, Translatio Sancti Alexandri (entstanden 850–865), Kap. 3, MGH SS 2 (ed. Pertz, 1829), S. 676, Z. 15–18: "Truncum quoque ligni non parvae magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua Irminsul appellantes, quod latine dicitur universalis columna, quasi sustinens omnia." (Wortlaut 2026 am Scan des MGH-Drucks geprüft.) Das umgebende Sachsen-Kapitel kompiliert Tacitus und Einhards Vita Karoli (so Pertz' Apparat); der Irminsul-Satz selbst hat dort keine Quellenzuweisung und gilt als Rudolfs eigener Einschub. Zerstörung 772: Annales regni Francorum ad a. 772.
- Eyrbyggja saga, Kap. 4: "Þar fyrir innan stóðu öndvegissúlurnar ok váru þar í naglar; þeir hétu reginnaglar" (Urtext nach snerpa.is; Prosabeleg der Handschrift AM 445 b 4to nach dem Dictionary of Old Norse Prose, onp.ku.dk). Johan Fritzner, Ordbog over det gamle norske Sprog, notiert zum Lemma reginnagli ein Fragezeichen zur Bedeutung.
- Þórarinn loftunga, Glælognskviða Str. 9 (entstanden 1030×1034), Edition des Skaldic Project (SkP I): Olav als reginnagli bóka máls, "heiliger Nagel der Buchsprache" – der älteste Beleg des Wortes, in eindeutig christlichem Kontext.
- Nagel-þula im Snorra-Edda-Fragment AM 748 4to (Anfang 14. Jh.), ediert in Edda Snorra Sturlusonar II (Kopenhagen 1852), S. 494: Aufzählung u. a. mit farnagli, stagnagli, varnagli, veralldar nagli; einziger Beleg laut Dictionary of Old Norse Prose (Lemma veraldar·nagli). Negativbefund Rímbegla: Die Edition Rymbegla (Kopenhagen 1780) enthält im Volltext kein einziges nagl-Wort (geprüft 2026 an zwei Scans).
- Deutungsgeschichte: Axel Olrik, "Irminsul og gudestøtter", Maal og Minne 1910, S. 1–9 (Kultnagel der Weltsäule, ohne Stern); Uno Holmberg [Harva], Finno-Ugric, Siberian [Mythology] (1927), S. 221 f. (samisch boahje-navlle, estnisch põhjanael, "Himmelsnagel" bei Samojeden, Korjaken, Tschuktschen; Johan Turi 1910: "Der Polarstern hält den Himmel aufrecht"); Knud Leem, Beskrivelse over Finmarkens Lapper (1767), S. 437 f. (Opfersäule mit Eisennagel); O. S. Reuter, Germanische Himmelskunde (1934), S. 77 f. und 226–229 (explizite Gleichung S. 227; Konjunktiv-Kaskade S. 77; quellenkritisch wertlose Rückprojektion S. 229).
- Jan de Vries, Altnordisches etymologisches Wörterbuch (2. Aufl. 1962), s. v. nagli: Entlehnung des Wortes ins Finnische (naula), Samische (nav'le) und Estnische (nael).
- Terry Gunnell, "Hof, Halls, Goðar and Dwarves: An Examination of the Ritual Space in the Pagan Icelandic Hall", Cosmos 17:1 (2001), S. 9 f. ("nails, that were called holy nails", ohne astronomische Deutung) und S. 18–25 (Säulen als Weltenbaum-Entsprechung); Margaret Clunies Ross, "Reginnaglar", in: News from Other Worlds. Studies in Nordic Folklore, Mythology and Culture in Honor of John F. Lindow (2012), S. 3–21 (christlich-liturgische Lesung des Glælognskviða-Belegs; hier nach Referat, nicht im Original eingesehen). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl., Kröner 2006), S. 345, Art. "Reginnaglar": Funktion und Bedeutung "klar wird" nicht; veraldarnagli "Weltnagel" nur als Kenning "aus uns verlorener Dichtung"; Vergleiche rein kultisch (Nagel an lappischen Pfahlgötzen; Thor-Hrungnir-Mythos); ob die Nägel dem Heidentum zuzuschreiben sind, "ist ungewiß" – keine astronomische Deutung.
- Snorri Sturluson, Skáldskaparmál (Grotti-Episode): "Þær mólu litla hríð, áðr niðr sökk skipit, ok var þar eftir svelgr í hafinu, er særinn fellr í kvernaraugat. Þá varð sær saltr." (Urtext nach heimskringla.no). Die þula-Wörter Eymylinn und Iðmǫlinn ("Inselmühle"/"Wirbelmühle") deutet Reuter (1934), S. 229, auf das kreisende Weltmeer. Vor der großen Synthese aller Mühlen-Motive warnt die Forschung: Giorgio de Santillana / Hertha von Dechend, Hamlet's Mill (1969), gilt methodisch als hochspekulativ.
- Mahlstrom: entlehnt aus niederländisch maalstroom, zu malen "mahlen; drehen" + stroom (Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 22. Aufl. 1989, S. 455; ebenso Jan de Vries, Nederlands Etymologisch Woordenboek, 1971, s. v. maalstroom). Ursprünglich Name des Strudels vor der norwegischen Küste – des Moskstraumen bei den Lofoten (Nicoline van der Sijs, 1998/2006); ältester Kartenbeleg bei Waghenaer 1584, verbreitet über Mercators Atlas von 1595.